Jele Mailänder

Starker Rücken und wildweiches Herz

Eine starke Haltung entwickeln, ohne dabei hart zu werden

10.08.2023 | Geistlich leben | 2 Kommentare

Jele Mailänder: Starker Rücken - wildweiches Herz
Wie ihre Hände wirkt ihr ganzer Körper: schmal, lang und zerbrechlich. Ihre grauen Haare umrahmen ein blasses Gesicht. Trotz ihrer hageren Erscheinung strahlt sie Wärme aus. Schon die Begrüßung hat sich herzlich angefühlt, obwohl wir uns zum ersten Mal begegnen. Sie trinkt Tee und blickt mir fest in die Augen: „Was möchten Sie denn gerne wissen?“ Ich hatte sie angerufen, um herauszufinden, wie jemand in der Wildnis leben kann. Die Tiefenpsychologin weiß sofort, was ich mit „innerer Wildnis“ sagen möchte. Sie schaut mich an: „Sie meinen, einen neuen Weg gehen, der sich unterscheidet von dem was alle um uns herum tun oder denken. Ein Weg, bei dem wir manchmal einsam sind und der uns gleichzeitig in die Weite führt und fasziniert. Meinen Sie das mit „innerer Wildnis“?“ Ich staune über ihre präzise Formulierung. Genau das meine ich damit. Wir beginnen zu reden, trinken Tee. „Ich habe es noch nicht verstanden: Hinausgehen in die Wildnis ist eine Sache. Dort zu leben eine ganz andere. Wie lebt man dort?“, frage ich sie. Sie schaut mich an, überlegt eine Weile. Was sie dann tut, werde ich wohl mein Leben lang nicht vergessen. Sie nimmt eine leere Bonbonschachtel vom Schrank hinter sich und geht auf mich zu. Sie kniet sich neben mich hin, wendet das Gesicht in Richtung ihres Stuhles. Dann beginnt sie sich krabbelnd zurück zu ihrem Platz zu bewegen. Dabei schiebt sie die Bonbondose mit ihren langen, dünnen Fingern über den Hochflorteppich, als würde die Schachtel genauso krabbeln, wie sie es gerade tut. Wenn ich das jetzt schreibe, kommt es mir lächerlich vor. Doch in dem Augenblick war ich zu perplex, um es lächerlich zu finden, was es im Nachhinein auch ganz und gar nicht war.

Auszug aus meinem Buch

Jele Mailänder: Wenn Gott zum Aufbruch ruft

Daniela Mailänder: Wenn Gott zum Aufbruch ruft

224 Seiten
ISBN: 9783417000139
Maße: 13.5 x 21.5 cm
4-farbige Innengestaltung

Die Schachtel hier steht für unseren Blick in gebückter Haltung. Wir sehen nicht weit genug, sondern nur die vielen Flusen um uns herum. Wir werden in dieser Haltung nicht nach oben kommen. Wir brauchen eine andere Haltung, um dort draußen in der Wildnis zu leben.

„Es ist schwer“, sagt sie. „Wir sind alle in gebückten Haltungen und versuchen Berge zu erklimmen.“ Sie kommt mit der leeren Dose an ihrem Stuhl an. „Wir wollen nach oben und stellen fest, dass das nicht geht. Wir fuchteln herum und wollen weiterkommen, stoßen aber an Grenzen.“ Sie wendet sich mir zu: „Was tut man dann?“ Ich bin sprachlos und weiß nicht so richtig, was sie mir kniend auf dem Boden mit dieser leeren Bonbonschachtel in der Hand sagen möchte. „Noch einmal von vorne.“ Sie krabbelt in meine Richtung zurück, um sich dann wieder in Richtung ihres eigenen Stuhles zuzuwenden. Wieder schiebt sie die leere Bonbonschachtel über den Hochflorteppich. „Die Schachtel hier steht für unseren Blick in gebückter Haltung. Wir sehen nicht weit genug, sondern nur die vielen Flusen um uns herum. Wir werden in dieser Haltung nicht nach oben kommen. Frau Mailänder, wir brauchen eine andere Haltung, um dort draußen in der Wildnis zu leben. Wir brauchen einen aufrechten Gang, einen starken Rücken.“ Sie richtet die leere Dose hochkant auf – und dabei auch ein wenig sich selbst. Es geht um den aufrechten Gang, um einen starken Rücken, um Standhaftigkeit.
Ich verlasse ihre Praxis. Das klingt gut: Starker Rücken in der Wildnis. Ich beschließe noch an der Tür der Psychologin, ihr Bild von Standhaftigkeit tiefer zu erforschen. Was findet sich dazu in der Bibel? Wie lebt man mit starkem Rücken und aufrechtem Gang? Welche Haltung brauchen wir dort in der Wildnis?

Mit starkem Rücken in der Wildnis

Wer einmal in der Wildnis war und dort seinen Weg gefunden hat, der will nicht mehr zurück. Wer einmal gelernt hat, für sich selbst zu stehen und sich nicht länger anzupassen, der wird sich auch in Zukunft gegen Anpassung sperren. Wer einmal starre Strukturen hinter sich gelassen hat, der möchte sich nicht mehr in ihnen wiederfinden. In der Wildnis entwickeln wir unsere eigene Art zu glauben, nehmen neue Verbindungen auf und lernen, mit Unsicherheit mutig zu leben. Die Bibel nennt diese Art zu leben Freiheit. Es ist die große Geschichte des Neuen Testamentes, die diese Freiheit immer wieder neu darstellt, sie erklärt und uns ermutigt, sie zu ergreifen.

Hast du schon ganz gelernt, für dich selbst zu stehen, dich nicht länger anzupassen?

Bist du unabhängig von der Meinung anderer?

Ein paar gefährliche Zwischenfragen

Passt du dich an? Oder gehst du deinen Weg?

Wir sind so schnell dabei, uns in den Bildern der inneren Wildnis wiederzufinden. Doch ob wir wirkliche Freiheit leben, wird sich in den konkreten Situationen unseres Lebens zeigen: Fragen wir uns immer noch, was die anderen von uns denken? Oder sind wir frei von der Meinung anderer?
Es gibt nichts, was einen starken Rücken mehr verhindert als die Frage: „Was denken andere über mich?“ Wenn wir ständig das Gefühl haben, uns beweisen und verstellen zu müssen, damit wir bei anderen beliebt sind, wird das unseren Rücken schwächen.

Es gibt nichts, was einen starken Rücken mehr verhindert als die Frage: „Was denken andere über mich?“
Dort draußen in der Wildnis brauchen wir aber diesen starken Rücken, brauchen wir Standhaftigkeit, denn nur so können wir unseren Weg aufrecht gehen. Und diesen starken Rücken bekommen wir durch das Leben in Freiheit, das wir in enger Verbindung mit Jesus leben können. Er war vollständig frei von den Meinungen anderer über ihn und passte sich nicht an. Deshalb können wir am besten von ihm lernen, ein starkes Rückgrat zu entwickeln, standhaft zu sein und Haltung zu zeigen. Uns nicht anzupassen, um dazuzugehören. Er war frei und gleichzeitig tief und eng verbunden: mit seinem Vater, bei dem er wahre Zugehörigkeit erlebte, und mit seinen Jüngern und seinen Freundinnen und Freunden. Doch Vorsicht: Es geht hier nicht um eine generelle Absage an Anpassung! Im Gegenteil: Es geht um mehr Gemeinschaft, mehr Miteinander, mehr Verbindung – jedoch nicht um den Preis der Starrheit und falschen Anpassung, die uns lahmlegen, statt uns frei zu machen.
Dort draußen in der Wildnis brauchst du einen starken Rücken! Und den bekommst du, indem du Wahrheit über dich annimmst und sie lebst! Im Epheserbrief lese ich dieses Geheimnis: „Also haltet stand! Tragt die Wahrheit als Gürtel um eure Hüfte […]“ (Epheser 6,14). In der Verbindung mit Jesus werden wir dieses starke Rückgrat bekommen! In der Begegnung mit ihm erfahren wir unsere Identität, wird uns Wahrheit zugesprochen. Meine Gedanken wandern zurück zu dieser sonderbaren Begegnung bei der Tiefenpsychologin: Eine veränderte Haltung in der Wildnis! Ich ahne, wie tief ihre Antwort ist.
Die Wahrheit leben

Checkliste für einen starken Rücken

Brené Brown hat eine Art Checkliste für die Wildnis erstellt. (1) In dieser Checkliste finde ich viele der Eigenschaften wieder, die es für den starken Rücken braucht. Doch Vorsicht! Diese Eigenschaften hier sind lediglich die Ergebnisse eines inneren Haltungswechsels! Wir können diese Charaktereigenschaften nicht einfach nachmachen oder sie „einüben“. Wir brauchen dafür eine tiefe Veränderung in uns. Diese Veränderung meint die Freiheit, zu der Jesus uns einlädt. Ich sehne mich mehr und mehr nach dieser Freiheit, die mich aufrechter und gerader gehen lässt. Mit dieser Haltung möchte ich gern in der Wildnis leben.

Grenzen

Ich möchte lernen, wie ich Grenzen setzte. Das bedeutet, dass ich das Gemochtwerden und die Angst loslasse, andere Menschen zu enttäuschen.

Verlässlichkeit

Ich möchte lernen, wie ich sage, was ich meine, und meine, was ich sage. Das heißt, dass ich mich nicht zu stark verpflichte und nicht zu viel verspreche, um anderen Menschen zu gefallen oder mich zu beweisen!

Verantwortung

Ich möchte lernen, wie ich vortrete, Verantwortung übernehme und mich, wenn ich im Unrecht bin, ehrlich entschuldige. Es geht darum, der Scham die Stirn zu bieten, ohne anderen die Schuld zu geben.

Vertraulichkeit

Ich möchte lernen, wie ich Geheimnisse bewahre. Das meint, dass ich nicht mehr mit Klatsch und Tratsch oder mit Nähe durch gemeinsame Feinde eine kurzschlussartige Verbundenheit herstellte.

Integrität

Ich möchte lernen, wie ich mein Werte lebe, auch wenn es unbequem und schwierig ist. Heißt also: Ich entscheide mich für den Mut und gegen die Bequemlichkeit.

Nicht-Urteilen

Ich möchte lernen, über Aussagen anderer bezüglich ihrer Gefühlswelt nicht zu urteilen. Hier ist es herausfordernd, das Bild des „Helfers und Problemlösers“ als Basis meiner Identität und Quelle meines Selbstwertgefühls loszulassen.

Großzügigkeit:

Ich möchte lernen, in meinen Annahmen über andere großzügig zu sein und anderen gegenüber ernsthaft und klar zu kommunizieren, was in Ordnung ist und was nicht.
Ich weiß nicht, wie es dir geht, wenn du diese Liste liest. Ich habe sie mir abgeschrieben und über die Spüle in meiner Küche gehängt. Darüber steht der Vers aus Epheser 6,10: „Werdet stark durch eure Verbundenheit mit dem Herrn. Lasst euch stärken durch seine Kraft.“ Ich wünsche mir kaum etwas mehr als einen starken Rücken! Das Training für die Rückenmuskulatur hat gerade erst begonnen!

Das Herz in der Wildnis

Aus dem Bereich des Sports wissen wir, dass es immer wichtig ist, gegenüberliegende Muskelgruppen miteinander zu trainieren. Gerade im Bereich Kraftsport ist das von elementarer Bedeutung: Es sollte niemals nur der Bizeps am Oberarm trainiert werden, sondern immer auch der Gegenspieler Trizeps, um ein gutes Ergebnis zu erhalten. Wenn wir also einen starken Rücken haben möchten und Stück für Stück damit begonnen haben, die Wahrheit über uns zu glauben, in Verbundenheit mit Jesus zu leben und uns nicht länger in gebückter Haltung zu befinden, dann braucht es für dieses Rückentraining einen Muskel-Gegenspieler: ein gesundes Herz! Ein starker Rücken wird von einem gesunden Herzen ergänzt und ich schreibe hier bewusst „gesundes Herz“, denn in diesem Fall geht es nicht um ein starkes, sondern ein weiches Herz. Wenn wir uns darauf konzentrieren, einen starken Rücken zu bekommen, laufen wir Gefahr, dass wir uns verschließen und eine Art Panzer um uns legen. Vor lauter Angst, dass wir uns zu sehr anpassen könnten, vergessen wir ganz, unsere Herzen zu pflegen. Dann werden wir zu harten Menschen. Das ist genau das Gegenteil von dem, wie wir sein sollen: Neben einem starken Rücken braucht es ein weiches, offenes Herz. Der Ratschlag in Sprüche 4,23 lautet: „Mehr als alles, was man sonst bewahrt, behüte dein Herz! Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens“ (ELB).
Mehr als alles, was man sonst bewahrt, behüte dein Herz! Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens.
Sprüche 4,23
Starker Rücken und wild-weiches Herz

Manche Menschen sind so damit beschäftigt, den aufrechten Gang zu üben, dass sie sich gegenüber Menschen verschließen, nicht bereit sind, eine andere Perspektive einzunehmen oder mitzufühlen. Einem harten Herzen fehlt Vertrauen. Ein hartes Herz entsteht durch Angst. Ein hartes Herz verschließt sich für andere und auch für das eigene, tiefe Bedürfnis nach Verbundenheit. Die Folgen sind Egoismus, Ich-Zentriertheit und fehlendes Mitleid.
Für Menschen, die in der Wildnis unterwegs sind, ist ein hartes Herz eine echte Herausforderung. Wie viele unter uns haben in ihren Gemeinschaften tiefe Verletzungen erlebt, bauen einen harten Panzer um sich und lassen niemanden zu nahe an sich heran? Wie viele von uns gehen nach vorne, leisten viel, konzentrieren sich ganz auf einen starken Rücken und vergessen dabei ganz ein weiches Herz zu pflegen?
Doch wir brauchen in der Wildnis beides: einen starken Rücken und ein gesundes Herz. Nur beides zusammen führt uns zu der Haltung, die wir in der Wildnis benötigen.
Deswegen lass uns unsere Herzen pflegen und darauf achten, dass sie weich und beweglich, zugewandt und verbunden werden und bleiben.

Ein weiches Herz durch Vertrauen

Dein Herz ist die Tiefe deines Wesens. Du lebst aus dieser Tiefe. Was dein Herz prägt, das prägt dich. Wie du mit deinem Herzen, deinem tiefsten Wesen umgehst, entscheidet über alles andere: dein Handeln, Denken, Fühlen, Entscheiden und Wollen. Dein Herz hat Einfluss auf deine Seele und sogar auf deinen Körper. (2) Dein Herz ist im tiefsten Wesen du selbst.
Das Herz ist also der geistliche Kern, der Mittelpunkt. Was in unserem Herzen ist, bringt am Ende hervor, wer wir sind, wer wir werden und was aus uns wird. Die weisen hebräischen Denker sahen im Herzen den Sitz der Gefühle, das Wohnzimmer der Vernunft und die Schlafstätte des Wünschens und Wollens. Das alles wird von dort aus gesteuert. Wie es um unser Herz bestellt ist, prägt alles an uns: Identität, Charakter, Persönlichkeit.
Wie aber können wir den Herzmuskel trainieren? Und zwar so, dass unsere Herzen weich werden und bleiben? Wie können wir den Schutzpanzer, den wir vielleicht aufgebaut haben, ablegen? Wie werden erstarrte und harte Herzen wieder weich? Wie können wir den Gegenspieler unseres aufrechten Ganges trainieren?
Zunächst einmal ist weniger Training dabei, als wir vielleicht meinen. Gott verspricht uns neue, weiche Herzen als Geschenk:

Dann gebe ich euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Das tote Herz aus Stein nehme ich aus eurem Leib. An seiner Stelle gebe ich euch ein lebendiges Herz aus Fleisch.
Hesekiel 36,26

Ein hartes Herz, wie es hier dem Volk Israel vorgeworfen wird, lässt sich nicht einfach durch ein paar Übungen (wieder) weich machen, vielmehr ist es Gott, der an uns Menschen arbeitet. Allerdings können wir uns für seine „Herzbearbeitung“ öffnen. Doch wie?
Vielleicht müssen dafür auch manche Meinungen, Glaubenssätze und angelernte Ideologien „abgeschafft“ und die harten Stellen unserer Herzen zerbrochen werden, damit unsere Herzen weich werden. Manchmal arbeitet Gott ganz sanft, manchmal muss auch etwas sterben. Aber immer verwendet Gott gebrochene Dinge, um etwas Neues wachsen zu lassen: Aufgebrochene Erde lässt Weizen wachsen. Ein Weizenkorn bricht und „stirbt“, bevor es viel Frucht bringt (Johannes 12,24). Ein „Wolken-bruch“ lässt es regnen. Aus aufgebrochenem Getreide wird Brot gebacken und das gebrochene Brot steht für das neue Leben, das wir mit Jesus haben.

Ein hartes Herz lässt sich nicht einfach durch ein paar Übungen (wieder) weich machen.

Ich ahne, dass dort, wo wir bereit sind, unsere Herzen offener, vertrauensvoller und zugewandter Gott zum liebevollen Betrachten zu überlassen, unsere Herzen weicher werden können.

Wenn also gerade etwas in deinem Leben zu Bruch geht, dann kann das der Beginn von etwas Großem sein, das eng damit verbunden ist, dass dein Herz (wieder) weicher wird. Dort, wo du „ent-täuscht“ bist von einer Meinung, von Menschen oder von einer bestimmten „hart gewordenen“ Form des Glaubens, dort, wo du nicht mehr klarkommst mit erstarrten Formen deines Gebetslebens, dort möchte Gott selbst etwas zerbrechen und es wieder ganz weich werden lassen in deinem Herz. Bist du bereit, zu vertrauen? Bist du bereit, dich zu öffnen?
Ich ahne, dass dort, wo wir bereit sind, unsere Herzen offener, vertrauensvoller und zugewandter Gott zum liebevollen Betrachten zu überlassen, unsere Herzen weicher werden können. Deshalb bete ich um offene Herzen, die berührt werden und auf diese Weise empfindsam werden für Gottes Handeln in uns.

Ein weiches Herz macht mutig

Ein weiches Herz zu haben meint nicht, ängstlich, unentschlossen oder schüchtern zu sein. Im Gegenteil! Ein weiches Herz macht mutig. Ein weiches Herz macht mitfühlend. Ein weiches Herz macht bestimmter und klarer. Im Hebräerbrief heißt es: „Denn es ist gut, dass euer Herz durch Gottes Gnade gefestigt wird“ (Hebräer 13,9b). Hier geht es nicht um Härte, sondern um ein Herz, das durch die Gnade (!) fest wird.
Das Wort „Gnade“ beinhaltet dabei so viel, dass es gar nicht so einfach ist, es in unser Leben zu übersetzen. Gnade meint Geschenk, Gabe, Wohlwollen, Liebe und Freundschaft. Damit unsere Herzen weich und gleichzeitig fest und mutig werden, braucht es die Begegnung und die Pflege mit der Gnade – der Freundschaft mit Gott. Gnade meint Geschenk, Gabe, Wohlwollen, Liebe und Freundschaft.
Wir sind angewiesen auf die Verbindung mit der Gnade, der Freundschaft Gottes. Wir lernen uns dem freundschaftlichen, wohlwollenden Blick Gottes auszusetzen und uns lieben zu lassen. Ich lerne mehr und mehr, den Satz zu glauben: „Du bist der geliebte Mensch!“ Dieses Wissen macht mein Herz gleichzeitig weich und mutig.

Gnade meint Geschenk, Gabe, Wohlwollen, Liebe und Freundschaft.

Jesus nachzufolgen heißt, verletzlich und offen zu sein, ein weiches Herz zu bewahren und gleichzeitig einen geraden Rücken und aufrechten Gang zu haben.

Ein weiches Herz ist verletzlich

Für ein weiches Herz ist es entscheidend, unsere inneren Schutzpanzer vorsichtig abzulegen. Wir müssen trainieren, offen zu bleiben, statt zum Angriff überzugehen oder uns zu verteidigen. Da der innere Schutzpanzer durch Angst entsteht müssen wir

  • uns unserer Angst bewusst werden
  • uns entscheiden, trotz der Angst offen zu bleiben
  • üben, darauf zu vertrauen, dass es gut ausgehen wird.

Was wäre, wenn wir bei der nächsten emotionalen Attacke eines Menschen (oft sind es die ganz nahen Menschen!) nicht mit Angriff oder – vielleicht noch schlimmer – mit Rückzug und einem noch stärkeren Panzer reagieren würden? Was wäre, wenn wir beim nächsten Konflikt zeigen, was uns verletzt hat, unsere Sicht formulieren und offen, zugewandt und weich bleiben. Was wäre, wenn wir uns fragen würden, was unser Gegenüber wirklich meint, welche Äußerung es war, die uns so getroffen hat? Warum gesagt wurde, was gesagt wurde? Wenn wir darüber nachdenken würden, wie wir miteinander im Gespräch bleiben können?
Es bleibt eine Entdeckung, ein Geschenk und auch ein Lernweg, uns verletzlich zu zeigen, sichtbar zu werden, offen zu bleiben, auch wenn wir nicht kontrollieren können, wohin das führt. Gerade hier zeigt sich, was Mut ist. Wir legen damit unseren inneren Schutzpanzer ab und treten hinaus aus jeder emotionalen Sicherheit.
Ich glaube an genau diesem Punkt wird deutlich, was Nachfolge am Ende wirklich bedeutet. Jesus nachzufolgen heißt, verletzlich und offen zu sein, ein weiches Herz zu bewahren und gleichzeitig einen geraden Rücken und aufrechten Gang zu haben. Das kostet Mut. Und doch lohnt es sich. Wir alle werden ein Leben lang unsere Rückenmuskeln trainieren müssen, und gleichzeitig wird uns Jesus immer wieder aufs Neue mit einem weichen Herzen beschenken.

Ein weiches Herz lebt Barmherzigkeit

Wenn wir Menschen gegenüber ein weiches Herz haben, dann sprechen wir häufig von Barmherzigkeit. Dieses alte Wort bedeutet nichts anderes als Weichherzigkeit. Barmherzig ist jemand, der sich für das Leid anderer Menschen interessiert und zulässt, dass er davon bewegt (oder sogar zerbrochen) wird. Natürlich hängen das weiche Herz, das sich den Menschen zuwendet, und das weiche Herz, das sich Gott zuwendet, zusammen. Ein weiches Herz hält uns hellwach für den Schmerz der Welt und redet dennoch den eigenen Schmerz nicht klein. Wir werden nicht mehr wegschauen können, wenn unser Herz weicher wird.
Ein weiches Herz

Nichts macht uns feiger und gewissenloser als der Versuch, von allen Menschen geliebt zu werden.

Die Körperhaltung draußen in der Wildnis

Ich denke wieder an die krabbelnde Psychologin auf dem Hochflorteppich. Es stimmt, ein aufrechter Gang ist entscheidend. Wir dürfen uns von der Meinung anderer Menschen nicht abhängig machen. Marie von Ebner-Eschenbach sagte einmal: „Nichts macht uns feiger und gewissenloser als der Versuch, von allen Menschen geliebt zu werden.“ (3) Wenn wir aufrecht gehen, heißt das, dass wir in echter Freiheit leben und die Identität ergreifen, die Gott uns schenkt: Geliebte, Söhne, Töchter, Beschenkte!
Dabei ist der größte Gegner immer die eigene Angst. Ihr gilt es zu begegnen und ihr mutig gegenüberzutreten.
Als Gegenspieler einer gestärkten Muskelpartie im Rücken brauchen wir ein wild-weiches Herz. Dieses Herz ist offen für Gottes Arbeit in uns. Es öffnet sich anderen gegenüber und zeigt sich. Ein wild-weiches Herz ist eines, das lernt, was Gnade ist. Es bleibt wild und mutig. Es lebt in tiefer Verbundenheit mit Jesus. Es lebt Vertrauen.
Wir brauchen beides: einen starken Rücken und ein wild-weiches Herz. Beides darf sich weiter ausbilden.

(1) Hier in leicht abgeänderter Form wiedergegeben nach: Brené Brown, Entdecke deine innere Stärke. Wahre Heimat in dir selbst und Verbundenheit mit anderen finden, Kailash, München 2018, S. 166–167.
(2) Wenn du mehr zum Thema „Herzpflege“ wissen möchtest, empfehle ich dir mein Buch „Herzheimat“.
(3) Zitiert nach: Hildegard Hamdorf-Ruddies, Zitate für die Predigt, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993, S. 49.

2 Kommentare

  1. Ann-Christin Klimasch

    Wow genau das BRAUCHTE ich jetzt. Genau in dem prozess befinde ich mich und gott schenkt mir gestern deinen auftritt bei bibel tv über den acker, der mir schon so viel gab und nun lese ich diesen text. Danke jesus. amen
    Mega zu sehen, wie mutig andere sind und ihr erfahrung teilen

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    • Jele Mailänder

      Liebe Ann-Christin, das freut mich! Ich schicke Dir herzliche Grüße und wünsche dir noch viele Schätze, die du entdecken kannst! Segensgrüße

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Auf Augenhöhe. Weil wir gemeinsam besser sind.

Mich bewegt die Frage des Miteinanders von Frauen und Männern in Wellen. Gerade in den ersten Berufsjahren war ich eher irritiert, wenn Frauen laut nach Gleichberechtigung gerufen haben. Ich habe es als Störung empfunden, wenn sexistische Äußerungen offen als solche angeprangert wurden oder Frauen auf patriarchale Systeme hinwiesen. „Mir steht doch alles offen. Was ist das Problem?“, habe ich mich gefragt. Auch heute noch bin ich davon überzeugt, dass wir nicht jeden Kampf laut und aggressiv ausfechten müssen. Sondern dass es langfristige Veränderung braucht. Aber es braucht sie.

Ich übe noch. Leben in der Gegenwart

Eine Sache fang ich dauernd neu an. Ich übe seit Jahren. Weil sich diese Sache Zeit braucht. Übung. Wiederholung.
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