Jele Mailänder

Ich übe noch. Achtsam werden.

Oder: Vom Sitzenbleiben und Augenfotos

Man sagt mir nach, dass ich gerne Neues angehe. Stimmt: Ich probiere gerne oft einfach aus, ohne genau zu wissen, was am Ende dabei rauskommt. „Besser mal anfangen, als es gar nicht zu tun“ ist mein Motto. Das gilt für vieles: Den Fleischkonsum drastisch reduzieren, wöchentlich im Unverpackt-Laden einkaufen, Kurzstrecken konsequent mit dem Fahrrad fahren.

Achtsamkeit bewertet nicht.

Doch offen gesagt:

Eine Sache fang ich dauernd neu an. Ich übe seit Jahren. Weil sich diese Sache Zeit braucht. Übung. Wiederholung.

Es geht dabei um Achtsamkeit. Ich sehne mich danach ganz im Hier und Jetzt zu sein: körperlich und mental. Ich sehne mich nach der Bereitschaft, das anzunehmen, was da ist. Ohne dabei die Gefühle und Gedanken zu bewerten. Oder sie zu vermeiden. Für mich als aktiven Menschen ist das wirklich eine Herausforderung. Also übe ich.

Achtsamkeit ist es ganz im Hier und Jetzt zu sein

Ich sehne mich nach der Bereitschaft, das anzunehmen, was da ist.

Drei konkrete Übungsfelder, um anzufangen achtsam zu werden:

1. Sitzen und Atmen

Ich nehme mir einmal am Tag Zeit zum Atmen. Oft schon am Morgen. Dabei sitze ich still da und lasse meinen Atem kommen und gehen. Zunächst beobachte ich meinen Atem. Im zweiten Schritt lenke ich ihn bewusst. Atme tief ein und ganz aus. Im dritten Schritt lasse ich ihn wieder los und nehme mein Atmen wahr. Gedanken, die mir sofort, dringend und riesengroß kommen, schiebe ich behutsam zur Seite. Sie haben später wieder ihren Platz. Zehn Minuten dafür tun mir gut.

2. Gehen

Draußen sieht die Welt oft ganz anders aus. Also gehe ich spazieren. Ich nenne dieses Spazieren „achtsames Gehen“. Mein Smartphone muss dabei zuhause bleiben. Ich gehe ganz langsam und bewusst. Am liebsten im Wald bei uns am Ort. Dabei mache ich die Gehbewegung ganz bedacht. Ich spüre das Aufsetzen und Abrollen meiner Füße. Ich konzentriere mich auf diese langsame Bewegung und meinen Atem. Ich achte auf meinen Weg. Ich nehme das Wetter, den Wind, Nieselregen oder Sonnenstrahlen wahr, bewerte sie nicht. So oft komme ich ruhiger und klarer nach diesem Gehen zurück.

3. Augenblick festhalten

Augen-blick festhalten: Manchmal drehen sich Gedanken in meinem Kopf im Kreis und mir fällt es schwer, sie zu unterbrechen. Ich habe eine Übung kennen gelernt, die mir hilft ganz im Jetzt zu sein. Geht überall und ist so alltagstauglich. Ich schließe meine Augen und „gehe“ in meinen Gedanken dort wie ich gerade bin umher. Dann öffne ich meine Augen für einen ganz kurzen Augen-Blick und stelle mir vor, ich würde diesen Blick „abfotografieren“. Eine Momentaufnahme wird so zur Unterbrechung meiner Grübeleien und hilft ganz im Hier und Jetzt zu sein.

lieber klein anfangen

Wer mal im Hier und Jetzt angekommen ist, der will nicht wieder weg.

Achtsamkeit – so lerne ich – ist kein Punkteplan, den ich abbarbeiten kann. Aber „Anfangen“ und es ausprobieren sind auch hier gute Ratgeber. Es muss nicht perfekt sein. Und es heute in kleinen Schritten auszuprobieren ist besser als es gar nicht anzugehen. Das gute dabei: Wer mal im Hier und Jetzt angekommen ist, der will nicht wieder weg. Wer erlebt hat, wie Augenblicke echt und sinnlich erlebt werden können, der sehnt sich nach noch mehr Achtsamkeit im Leben. Also fang ich an – und übe weiter.

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