Ist da genug Platz? Die Neidfrage.

Neulich bekam ich einen Anruf von einem Mann. Es war eine Anfrage, ein Referat zu halten. Da ich keine Zeit hatte, fragte er mich: „Kennst du denn eine andere Frau, die Du empfehlen kannst?“ Da habe ich ein Ziehen irgendwo in der Herzgegend wahrgenommen: Neid. In mir kam sofort der Gedanke auf: „Was, wenn die das besser macht als ich?“ Aufgelegt hab ich mit der faden Antwort: „Ich denke drüber nach und melde mich nochmal.“

Dabei bin ich über mich selbst erschrocken: Welche Angst treibt mich dazu, einer anderen Frau, eine Chance zu missgönnen? Was regt sich da in mir? Beim Nachdenken ist mir ein sonderbares „Lügenbild“ in den Kopf gekommen: Wenn ein Schmetterling seine Flügel entfaltet, braucht er dafür Platz um sich ganz ausbreiten zu können. Wenn es zwei oder viele Schmetterlinge wären, würden sie mit den Flügel aneinander stoßen und sich vielleicht gegenseitig zum Abstürzen bringen. Die Lüge, die sich in mir breit gemacht hatte, war also die: Ich wollte die ganze Blumenwiese für mich alleine haben.

Für mich war das eine bittere Erkenntnis: „Du bist neidisch!“, denn die Wahrheit ist: „Die Blumenwiese ist groß genug für uns alle!“ Und richtig schön wird es erst, wenn viele Schmetterlinge auf der Wiese unterwegs sind.

Dabei bin ich über mich selbst erschrocken: Welche Angst treibt mich dazu, einer anderen Frau, eine Chance zu missgönnen? Was regt sich da in mir?

Für mich war das eine bittere Erkenntnis: „Du bist neidisch!“, denn die Wahrheit ist: „Die Blumenwiese ist groß genug für uns alle!“
Was ist neid?

Es geht also um das verborgene Schielen auf das, was die andere hat.

Ein altes Wort für Neid ist „scheel sehen“. Es geht also um das verborgene Schielen auf das, was die andere hat, und was man selbst nicht hat. Der ‚scheele Blick‘ verengt die Sichtweise. Ich sehe plötzlich nicht mehr, die eigenen Gaben und schiele nur noch auf die Stärken der Anderen. Das birgt zwei Gefahren:

1. Ich sehe nur die Gaben und Stärken der Anderen. Ich sehe nicht die Begrenztheit, die Schwächen und die Mühen der Anderen. Damit verpasse ich es, die andere Frau als „Ganze“ zu sehen. Wenn ich an das Bild der Schmetterlinge denke, schaue ich nur den schönen Flug der anderen an, statt zu sehen, mit wie viel Luftwiderstand, kräfteraubenden Winden und Schwierigkeiten bei der Landung sie zu kämpfen haben.

2. Es macht mich unfrei. Gott hat mir Gaben gegeben, die ich ausleben soll und darf. Wer neidisch ist und sich mit dem Potential der anderen beschäftigt, hindert sich selbst daran, das eigene gottgegebene Potential ganz zur Entfaltung zu bringen. Im Bild gesprochen würde ich den anderen beim Fliegen zuschauen, statt selbst die Flügel auszubreiten.

Auslöser für Neid ist ja die innere Unzufriedenheit mit dem, was ich bin – anstelle dessen, was ich gerne wäre. Neid erinnert mich also dauernd an meine ungeliebte Begrenztheit. Damit bringt mich das Gefühl des Neides in Verbindung zu einer Wunde, die ich in mir trage. Und das löst Schmerz und Scham aus. Autsch! Jetzt verstehe ich auch, warum wir kaum über „Neid“ sprechen.

Dabei sind wir Frauen besonders anfällig dafür. Weil wir dauernd damit beschäftigt sind, uns miteinander zu vergleichen. Warum das so ist, darüber streiten sich die Wissenschaftler.[i]

 

Schritte in die Freiheit

Ich entscheide mich dafür, Platz zu machen! Ich will das Schöne und Gute in der Anderen sehen und segnen. Ich will sie als Ganze sehen, auch in ihren Herausforderungen.

Was also tun, damit ich aufhöre, in der anderen Frau die Konkurrentin zu sehen? Abtrainieren klappt nicht! Hab ich oft genug versucht. Und jetzt beschlossen, dem Schmerz – der Wunde – hinterher zu gehen. Und die wiederum will ich Jesus hinhalten.

a) Ich werde ehrlich vor mir selbst. Und vor Gott. Ein Gebet von Romano Guardini hilft mir dabei: „Ich will die Wahrheit. Ich bin bereit; auch zu dieser, die mir zu schaffen macht, wenn sie wirklich Wahrheit ist. Gibt mir Licht, dass ich erkenne, wie es mit ihr- und mit mir selbst zu ihr steht.“

b) Ich bekenne den Neid und das Denken dahinter. Gerade in der letzten Beichte habe ich die Namen der Frauen, auf die ich neidisch bin, aufgeschrieben und benannt. Das war für mich herausfordernd. Aber ich ahne, dass das der Start einer Heilung sein kann.

c) Ich spreche laut aus, dass ich die Freiheit, die Gott mir schenkt, in Anspruch nehmen möchte. Er will, dass ich fliege, mich entfalte, lebe. Das werde und möchte ich tun. Ohne Schielen auf die Kunstflüge der anderen.

d) Ich entscheide mich dafür, Platz zu machen! Ich will das Schöne und Gute in der Anderen sehen und segnen. Ich will sie als Ganze sehen, auch in ihren Herausforderungen. Die Frage: „Würdest Du mit allem, was ihr Leben mit sich bringt, tauschen wollen?“ hilft mir dabei, vieles zu relativieren.

e) Ich entscheide mich dafür, Allianzen und Netzwerke mit anderen Frauen zu bilden. Unseren gegenseitigen Konkurrenzkampf können wir nämlich nur miteinander bekämpfen. Indem wir uns stärken, feiern, loben und uns gegenseitig zu Chancen verhelfen. Der alleinige Flug über die Blumenwiese macht erschreckend einsam.

Impuls

Da ist ein Gott der Freiheit schenkt und der jeder von uns genügen Platz zur ganzen Entfaltung schenkt.

Liebe Ladies: Nicht die andere Frau ist die Konkurrentin. Nein, der gemeinsame Feind ist der Neid. Den können wir nicht alleine bekämpfen. Das geht nur miteinander und vor den Augen Gottes. Lasst uns zusammenhalten! Frauensolidarität, statt Zickenkrieg!

Liebe Männer: Erst seit 1962 dürfen wir Frauen ohne Erlaubnis von Männern ein eigenes Bankkonto führen. Wir lernen noch! Und die Neidfrage ist vielleicht ein Anfängerfehler? Hand aufs Herz: Neidisch seid ihr auch, oder?

PS: Ich glaube daran: Da ist ein Gott der Freiheit schenkt und der jeder von uns genügen Platz zur ganzen Entfaltung schenkt. Also hab ich zum Telefonhörer gegriffen und gleich drei geniale Frauen weiter empfohlen.

[i] https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2018-02/frauen-miteinander-karriere-privat-erfolg-goennen

Nicht die andere Frau ist die Konkurrentin. Nein, der gemeinsame Feind ist der Neid. Den können wir nicht alleine bekämpfen.

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