Jele Mailänder

Gemeinsam unterwegs.

28. Januar 2022 | Geistlich leben | 0 Kommentare

Gemeinsam unterwegs.
Du musst nicht solche Dummheiten machen,
wie ich dort im Eis der Lofoten, um die Wahrheit zu entdecken

Eine Skifahrt in den Lofoten

Es glitzerte uns in tausend Farben entgegen. Die Sonnenstrahlen brachen sich an den Eis- und Schneekristallen am Boden. Im Tal das Meer, vor uns die schneebedeckten Gipfel. Die Lofoten, eine Halbinselkette in Norwegen, hatten uns in ihren Bann gezogen. Mein Mann, und ich waren glücklich. Wir bestiegen mit unseren Skiern Gipfel für Gipfel. Das Wetter war perfekt. Die Abfahrten wunderbar. Der Schnee: ein Pulvertraum. Es wurde Nachmittag. Nach einer Pause wollten wir noch einen letzten Gipfel besteigen. Dazu schnallten wir die Felle unter die Skier, lösten die Bindung und gingen dann über einen Kamm an einem schmalen Grat entlang. Links von uns das Meer. Rechts von uns eine felsige Bergarena mit steilen Abhängen. Ich war im Glück. Sonne. Schnee. Ski. Bewegung. Bis diese grauen Wolken vom Meer her kamen. Mein Mann war schon immer der Realistischere von uns beiden. Ich wollte unbedingt noch auf diesen Gipfel. Er wollte umdrehen. „Dann geh ich alleine!“, rief ich und zog weiter. Er folgte in wütendem Abstand. Ich drehte mich um, um ihm etwas durch den aufbrausenden Wind zuzurufen. Ich weiß nicht einmal mehr, was ich sagten wollte. Ein Windstoß, harsch unter meinen Fellen, eine Unachtsamkeit. Ich begann zu rutschen. In Richtung der Felsen, die tief in den Abgrund führten. Ein Ski löste sich. Rutschte und fiel krachend ins Tal. Der zweite Ski folgte. Verzweifelt schrie mein Mann. Ich drehte mich auf den Bauch. Mit meinen Handschuhen und den Skischuhen krallte ich mich verzweifelt ins Eis. Zum Stehen kommen war die einzige Chance. Und wirklich. Auf einem eisigen Felsvorsprung kam ich auf allen Vieren zum Stehen. Unter mir der klaffende Abgrund, über mir ein brüllender Ehemann. Zentimeter für Zentimeter schob ich mich hinauf in Richtung des Bergkamms. Oben angekommen nahm mich mein Mann in die Arme. So fest hatte er mich noch nie gedrückt: „Tu das nie wieder! Ich liebe dich!“

Abenteuer hin oder her. Du musst nicht solche Dummheiten machen, wie ich dort im Eis der Lofoten, um die Wahrheit zu entdecken: Es ist entscheidend, gute Gefährten zu haben! Sie besteigen mit uns die Gipfel des Lebens. Sie genießen mit uns die Sonnenseiten. Sie erleben mit uns Abenteuer, teilen das Leben und Leidenschaften. Gute Gefährten warnen uns vor Gefahren. Und: Gute Gefährten nehmen uns auch dann noch in den Arm, wenn wir eine Dummheit begangen haben. Oder alles verloren haben. Sie steigen mit uns hinunter ins Tal und trösten uns. Solche Gefährten können Mentoren sein.

Mentoring in einem völlig anderen Licht sehen

Wir brauchen nicht einen sondern gleich drei Mentoren!

Eine kleine unscheinbare Frau betrat die Bühne. Ich war auf einer internationalen Konferenz für Leiterinnen und Leiter. Was sie in wenigen Sätzen sagte, berührte mich tief. Sie hat mich mein Verständnis von „Mentoring“ noch einmal in einem völlig anderen Licht sehen lassen. Ihre Aussage war: „Jeder von uns braucht nicht einen, sondern drei Mentoren!“

Wir alle brauchen einen Paulus

Der erste Mentor

Wir alle brauchen einen Paulus. Das ist ein Mensch, der uns herausfordert und uns vor eine Aufgabe stellt (Apostelgeschichte 16,11; 1. Timotheus 1,18; 4,11 und 6,2b). Paulus traute Timotheus ein großes Amt zu (1. Timotheus 1,18; 4,11 und 6,2b). Und: Der Mentor Paulus wurde für den jungen Mitarbeiter zum Vorbild (2. Timotheus 3,11).

Wir alle brauchen so jemanden, der mehr in uns sieht, der eine bestimmte Gabe in uns hervorlockt und uns ermutigt. Einen Mentor, der uns herausfordert und von dem wir lernen dürfen. Manchmal überfordern uns diese Mentoren. Sie stellen uns vor schwierige Aufgaben und wir haben den Eindruck, sie muten uns zu viel zu. Wir reiben uns an ihren theologischen Aussagen, ihrem Lebensstil oder ihrem Charakter. Trotzdem gilt es, Lernende zu bleiben. Kluge Mentoren machen Platz für andere, lassen einen Nachfolger zum Zug kommen. Es sind Gefährten, die den Weg schon beschritten haben und freiwillig noch einmal umkehren, um einen anderen Menschen zu begleiten. Sie kennen sich aus und lassen trotzdem Raum, eigene Entdeckungen zu machen.

Manchmal gehen solche Mentoren auch nur ein kleines Stück Wegstrecke mit uns. Trotzdem geben sie entscheidende Impulse. Ein Satz, ein Wort, eine Handlung kann dazu führen, dass wir einen entscheidenden Schritt weiterkommen.

Hast du einen „Paulus“ im Leben? Wer ist ein streitbarer Gefährte, der dich heraufordert und ermutigt? Ich mache dir Mut: Lerne von Menschen, die dich überfordern! Suche dir Menschen, die vorwärtsgehen, und bitte sie, dich ein Stück des Weges zu begleiten.

Hast du so einen „Barnabas“ als Gefährten?

Der zweite Mentor

Neben einem Paulus brauchen wir auch einen Barnabas, der eigentlich Josef hieß. Von seinen Freunden wurde er aber Barnabas genannt. Das bedeutet: „Sohn des Trostes“ (Apostelgeschichte 4,36). Er war treu und mutig. Er verkaufte seinen Besitz und gab das ganze Geld an die Gemeinde. Außerdem wird er als „Mann mit edlem Charakter“ bezeichnet, der mit dem Heiligen Geist erfüllt war und einen festen Glauben hatte (Apostelgeschichte 11,24). Nach der Bekehrung des Saulus war Barnabas neben Hananias der Erste, der Paulus bei sich aufnahm. Er gab ihm Schutz und war ihm gegenüber loyal (Apostelgeschichte 9,24.). So konnte Paulus in das bestehende Gemeindeleben in Jerusalem eingebunden werden und von dort aus seine Mission verfolgen. Barnabas begleitete Paulus auf der ersten Missionsreise als treuer Gefährte. Später kam es zum Streit zwischen den beiden und sie trennten sich (Apostelgeschichte 15,37). Er scheint also auch ein Kritiker des Paulus gewesen zu sein. Er war jemand, der auf Missstände hinwies, und nahm offensichtlich kein Blatt vor den Mund.

So einen Wegbegleiter wünsche ich mir. Ein treuer Mensch, der trotzdem ehrlich und offen hinterfragt, auf welchem Weg ich mich befinde. Wir brauchen Personen, die uns einen Rückzugsort bieten, wenn wir diesen nötig haben. Wir brauchen Mentoren, die uns an die Grenzen unserer Kraft erinnern und uns zwischendurch eine Pause gönnen.

Hast du so einen „Barnabas“ als Gefährten? Solche Mentoren sind oft gute Coaches, die dich über Jahre seelsorgerlich und in Fragen der Persönlichkeitsentwicklung weiterbringen.[i]

Mache dich auf den Weg! Suche Menschen, die treu sind, für dich beten und deren Loyalität du dir sicher sein kannst. Meine Mentorin, mein Großvater, meine Eltern, unser siebzigjähriger Kleingruppenleiter und auch mein Mann sind „Barnabasse“ für mich. Sie erinnern mich ab und zu an meine Grenzen und bieten mir einen gesunden und sicheren Rückzugsort. Mit ihnen streite ich auch. Dennoch bin ich mir ihrer Zuneigung sicher.

Bete um einen Barnabas in deinem Leben! Wenn du eine Ahnung hast, dass sich hinter einem Menschen ein „Barnabas“ versteckt: Frage diesen Menschen um Rat und bitte ihn um sein Gebet und seine Wegbegleitung.

Wir brauchen alle einen Timotheus in unserem Leben

Der dritte Mentor

Als Drittes brauchen wir alle einen Timotheus. Timotheus war eine Art Ziehsohn von Paulus (Apostelgeschichte 16). Er wurde sein Wegbegleiter und unterstützte ihn bei seinen Reisen. Durch das Zuschauen und Dabeisein wird er viel gelernt haben. Timotheus wurde von Paulus hoch geschätzt. Ihm wurden mehr und mehr verantwortungsvolle Aufgaben übertragen, bis hin zur Leitung der Gemeinde in Ephesus (Philipper 2,20; 1. Timotheus 1,3 und 2. Timotheus 1,18). Paulus bezeichnete ihn als sein geliebtes und treues Kind (1. Korinther 4,17). Später wurde er eine Art „Partner von Paulus“. [ii] Paulus ermutigte ihn, die Gabe, die in ihm steckte, wachsen zu lassen (1. Timotheus 4,14 und 2. Timotheus 2,6b). Er ermahnte ihn, gut mit seinen Kräften zu haushalten (1. Timotheus 4,16a), treu im Dienst zu sein (1. Timotheus 4,7) und trotz seines Alters ein Vorbild für andere Christen zu sein.

Klar ist, dass Paulus Timotheus’ Mentor war. Aber es war auch umgekehrt. Wie Timotheus der Mentor von Paulus wurde, steckt voller Geheimnisse. Paulus hat einen jungen Menschen geprägt und ihm den Staffelstab weitergegeben. Die Botschaft des Paulus blieb deshalb relevant, weil er einen Menschen in seiner Nähe hatte, der die richtigen Fragen stellte. Der Jüngere kannte seine Generation besser als der Ältere, formulierte mit anderen Worten, stellte andere Fragen. Er belebte damit die Botschaft von Paulus.

Wir alle brauchen einen Timotheus in unserem Leben. Wir alle brauchen Menschen, die jünger sind und entscheidende Fragen stellen. Die aus einer anderen Generation kommen und die Botschaft relevant halten. Wir brauchen die Bereitschaft, von diesen jüngeren Menschen zu lernen. Sie haben den frischen und unverbrauchten Blick. Und: Sie haben Feuer. Gott arbeitet immer wieder gerade mit besonders jungen Menschen, weil sie noch nicht vom Geist der Nüchternheit und der Erfahrung der Niederlage um Ideale beraubt wurden. Wir brauchen Menschen wie Timotheus um uns, die uns in Erinnerung rufen, was wirklich wichtig ist. Sie stellen schon mit ihrer Anwesenheit bestimmte Dinge infrage. Sie rufen in uns die Sehnsucht hervor, etwas Wichtiges zu hinterlassen.

Ich habe das Vorrecht, einigen jungen Frauen Mentorin sein zu dürfen. Doch am meisten lerne ich selbst bei diesen Mentorenschaften. Sie stellen Fragen, die entscheidend sind. Sie geben mir Einblick in ihre Welt, formulieren Dinge ganz anders und erinnern mich an die Leidenschaft Jesu. Eine junge Frau habe ich zu mir ins Team meines hauptamtlichen Dienstes geholt. Die wichtigen, entscheidenden Impulse kommen inzwischen von ihr. Ich gebe ihr mehr und mehr Verantwortung und bitte sie um Rat. Ich versuche eigene Entdeckungen an sie weiterzugeben und freue mich an ihrer wachsenden Bereitschaft, eine Leiterin zu werden und ihre Gaben einzubringen. Davon profitiere ich. Darin sehe ich Jesus.

Wann immer du die Gelegenheit hast, mit jungen Menschen zusammenzuarbeiten, tu es! Sei bereit, von ihnen zu lernen. Sie sind deine Mentoren. Sie sind es, die die Botschaft relevant halten und weitergeben. Hab Geduld mit ihnen, trau ihnen Großes zu und sei ihre Stärkung im Hintergrund.

Wer begleitet dich? Hast Du solche Gefährten oder Mentorinnen? Sie besteigen mit dir die sonnigen Gipfel und wandern mit dir ins Tal. An entscheidenden Stellen können sie Wegweiser und Proviantträger sein. Es gilt, solche Menschen zu suchen. Am besten eben drei!

[i] Um einen passenden Mentor oder Mentorin zu finden, lohnt sich ein Blick unter www.c-mentoring.net.
[ii] Er wird als Mitverfasser des 1. Thessalonicherbriefes, des zweiten Korintherbriefes, des Philipperbriefes und Philemonbriefes genannt.

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