Jele Mailänder

Die Pionierpflanzen-Revolution

(oder: Jesus-Unkraut ist gelb)

07.07.2026 | Allgemein | 0 Kommentare

Neulich habeich zum ersten Mal in meinem Leben einen Förster getroffen. Den habe ich mir direkt geschnappt, um ihm endlich eine Frage zu stellen, die mich seit Jahren begleitet. Nicht so sehr, dass ich sie jemals gegoogelt hätte – eher so ein leises, wiederkehrendes Staunen.
Vor über zwanzig Jahren war ich in den Wäldern des Yukon, im Nordwesten Kanadas und Alaskas, unterwegs. Kurz zuvor hatte ein massiver Waldbrand dort gewütet. Und mitten in dieser verbrannten Landschaft fiel mir etwas auf, das mich bis heute beeindruckt: Überall wuchsen rosa Blumen. Ganze Teppiche davon. Ich habe damals Samen dieses „Fireweed“ gekauft. Sie liegen bis heute in einer Papiertüte in meiner Bibel. Mehr wusste ich allerdings nicht über dieses Gewächs – bis zu diesem Abend mit dem Förster.

Das Reich Gottes wächst selten wie ein Baum. Meistens wächst es erst wie Unkraut.

Pionierpflanzen nach Waldbränden
„Was wächst da bitte nach einem Waldbrand?“, fragte ich ihn. „Und warum dieses violett-rosa Meer mitten in der Zerstörung?“ Er grinste und erklärte:
„Das ist Fireweed – schmalblättriges Weidenröschen. Eine Pionierpflanze.“

Fireweed ist oft eine der allerersten Blütenpflanzen, die nach einem Brand wieder auftauchen. 300 bis 400 Samen stecken in einer einzigen Samenkapsel, bis zu 80.000 in einer Pflanze. Mit seidig-flauschigen Härchen, perfekt für den Wind. Das Ergebnis: Innerhalb kürzester Zeit überzieht ein rosa Teppich die verbrannte Fläche. Pionierpflanzen tauchen immer dort auf, wo alles drunter und drüber gegangen ist – nach Bränden, Vulkanausbrüchen, Überschwemmungen oder menschlichem Chaos durch Bauprojekte und intensive Landwirtschaft. Es sind keine Schönwettergewächse. Sie trotzen Hitze, Kälte und Nährstoffmangel mit beeindruckender Widerstandskraft. Ihre Anpassungsfähigkeit scheint beinahe grenzenlos.
Außerdem verbessern sie den Boden. Mit tiefen Wurzeln lockern sie ihn, bringen Struktur und Leben hinein. Manche – wie Lupinen oder Klee – binden sogar Stickstoff. Dazu leben viele in Symbiose mit Mikroorganismen wie Mykorrhiza-Pilzen. Eine Win-win-Situation unter der Erde. Ohne sie gäbe es keine nächste Stufe: keine Sträucher, keine Bäume, keinen Wald.

Pionierpflanzen tauchen immer dort auf, wo alles drunter und drüber gegangen ist

Aus Senf wird kein Baum!
Bleiben wir mal bei der Botanik. Ich gebe zu: Ich habe da wenig Ahnung. Aber Jesus scheint viel dafür übrig zu haben. Einmal vergleicht er das Reich Gottes mit einer Senfpflanze. Er sagt: „Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn. Es ist das kleinste aller Samenkörner. Aber wenn es gewachsen ist, wird es größer als die anderen Sträucher und wird ein richtiger Baum. Die Vögel bauen ihre Nester in seinen Zweigen.“ (nach Matthäus 13,31-35)
Ich habe das jahrelang so verstanden: aus klein wird groß. Klar. Das Reich Gottes beginnt unscheinbar und endet beeindruckend: Aus einem kleinen Körnchen wird ein großer Baum. Und dann übertragen: Aus einer kleinen Bewegung wird eine Megakirche, große Konferenzen, Evangelisationszahlen, die sich in Excel-Tabellen abbilden lassen – einfach treu das Kleine pflegen.

Als die Bauern Jesu Beispiel hörten,
haben sie vermutlich gekichert.

Inzwischen halte ich diese klassische Auslegung – sorry – für ziemlichen Unsinn. Denn jeder Mensch damals wusste: Aus einem Senfkorn wird kein Baum. Niemals. Nirgendwo. Als die Bauern Jesu Beispiel hörten, haben sie vermutlich gekichert. Den Zuhörenden rund um Jesus war bestimmt bekannt, dass die Pflanze gerade mal so einen Meter hoch wird. Ein Senfstrauch ist unspektakulär und verblüht nach ein paar Wochen. Kein Gigant, kein Stabilitätswunder, kein Nistplatz-Baum. Als Laie finde ich ja, dass er ein bisschen aussieht wie Raps.
Senf wächst allerdings wie Unkraut. Im Judentum gab es sogar ein Gesetz, das besagte, dass man keinen Senf im Garten pflanzen durfte. (m. Kil’aim 3,2; t. Kil’ayim 2,8). Die Pflanze überwuchert nämlich in kürzester Zeit alles – und aus liebevoll sortierten Vorzeigebeeten werden im Handumdrehen chaotische Unkrautlandschaften.

Senfpflanzen sind Pionierpflanzen
Aber jetzt kommt’s: Senf wird zwar kein Baum – aber Weißer Senf und Acker-Senf gelten tatsächlich als Pionierpflanzen! Also ähnlich wie die rosa Wunderpflanzen aus dem Yukon. Sie wachsen schnell, kommen mit gestörten Böden zurecht und bilden dichte Teppiche, die anderes Unkraut unterdrücken. Sie sind die ersten Besiedler auf kargen Standorten.
Jesus könnte also genau diese Eigenschaft meinen, wenn er vom Senfkorn spricht, das „zum Baum“ wird. Nicht im botanischen Sinn, sondern im übertragenen: Es bereitet den Boden für das, was kommt. Dass es um die Kultur der Bodenbeschaffenheit geht, damit etwas Großes wachsen kann.

Himmel auf Erden: Kultur­veränderung unter der Oberfläche

Pionierpflanzen sind widerstands- und anpassungsfähig.

Vielleicht meint Jesus: Der Himmel kommt auf die Erde, wenn wir – gemeinsam mit ihm – wie Pionierpflanzen die Bodenbeschaffenheit verändern.
Pionierpflanzen sind widerstands- und anpassungsfähig. Was, wenn wir mit ebenso klugem Blick das Evangelium immer wieder in unseren Kontext hineintragen – mitten in den Alltag, mitten ins echte Leben, in einer Sprache und Kultur, die Menschen verstehen? Es geht nicht darum, dass wir uns anpassen, aber das Evangelium in einer Sprache, in einer Kultur und im Alltag von Menschen erfahrbar zu machen. Und dabei eine gewisse Form von Widerstandsfähigkeit an den Tag zu legen: Was, wenn wir bleiben, wo andere gehen? Was, wenn wir dranbleiben, auch wenn es anstrengend wird? Wenn wir Liebe, Vertrauen üben mitten im Leben – auch dort, wo es richtig, richtig schwierig ist?!
Viele Pionierpflanzen verbessern den Boden. Mit tiefen Wurzeln lockern sie ihn, geben ihm Struktur, bringen Leben hinein. Was, wenn wir unsere Gesellschaft durchdringen mit tiefen Wurzeln, wenn wir den Boden lockern und Leben hineinbringen? In einer Gesellschaft, die die Grenzen dichtmacht und jeder und jede seines als „Zuerst“ betrachtet, eine Kultur zu gestalten, die tiefe Wurzeln hat. Wir strecken uns aus nach dem, wie Jesus gelebt hat: Er hat gedient und sich konsequent mit den Ausgestoßenen abgegeben. Er hat Machtstrukturen umgekehrt. Seine Willkommenskultur war so einladend konsequent. Menschen haben sich in seiner Nähe wohlgefühlt. Seine Wurzeln haben sich aus der Beziehung mit seinem Vater gespeist. So wie Pionierpflanzen den Boden lockern, so dürfen wir mit Humor, Vertrauen, Leichtigkeit auf den Gott verweisen, der die Dinge in der Hand hält.

Viele Pionierpflanzen verbessern den Boden.

Pionierpflanzen bringen Nährstoffe in den Boden.
Pionierpflanzen bringen Nährstoffe in den Boden. Der Hauptnährstoff in unserer Zeit für den Ackerboden unserer Kultur ist Hoffnung. Der Klimakollaps rückt näher, die Kriege flammen wieder auf und bei meiner Freundin in der Ukraine kehrt noch lange kein Frieden ein. Lasst uns Nährstoffe in unser Umfeld und unsere Gesellschaft bringen! Wir sollten teilen, dass da ein Gott ist, der diese Welt in der Hand hält – das ist Hoffnung. Und die als Nährstoff in den Boden zu geben, das ist unser Auftrag als Senfpflanzen in unserer Zeit.
Senf- und Pionierpflanzen haben die Fähigkeit zur Teamarbeit.
Senf- und Pionierpflanzen haben die Fähigkeit zur Teamarbeit. Die Pionierpflanzen bilden Symbiosen mit Mikroorganismen. Die helfen dabei, Nährstoffe besser aufzunehmen – und stabilisieren gleichzeitig den Boden. Win-win-Situation unter der Erde. Was, wenn wir genau so leben? In Symbiosen des Miteinanders. Über die Grenzen von Denominationen und verschiedenen Kulturen des gelebten Jesus-Glaubens hinweg. Was, wenn wir einander den Glauben glauben und damit helfen, dass das Evangelium wirklich spürbar und sichtbar zwischen uns wird?!
Pionierpflanzen sind ansteckend und breiten sich aus wie Unkraut. Minucius Felix ist einer der Verfolger, der ersten Christen. Er verfluchte die frühen Nachfolger des Weges als „weltliche Verschwörung“ und „gottloses Komplott“, das sich vermehre wie „üppig wachsendes Unkraut“. Jahre später wurde Minucius selber einer der Menschen des Weges, wie die ersten Christen bezeichnet wurden. Das Evangelium und Menschen, die evangeliumsmäßig leben, scheinen ansteckend zu sein. Die Lebensweise hat Potential sich auszubreiten. Mit Kirche Kunterbunt erleben wir so ein unspektakuläres, handfestes und unkrautartiges Wachstum. Wir gestalten Kirche mit Familien: mit klebrigen Türklinken, viel Chaos, Krümeln, Wachstischdecken und Kindergeschrei. Gebete auf dem Ponyhof. Chipsessen am Lagerfeuer. Würstchen aus der Plastikverpackung. Kirche im Indoorspielplatz. Hüpfburg im Pfarrgarten. Seit 2019 sind über 450 Kirche Kunterbunt Initiativen entstanden und pro Jahr werden durch Kirche Kunterbunt ungefähr 135.000 Menschen erreicht. Da ist wenig auf Hochglanz gebürstet, aber viel unkrautartiges Wachstum.

Pionierpflanzen sind ansteckend und breiten sich aus wie Unkraut.

Pionierpflanzen sind für eine bestimmte Zeit gemacht.
Pionierpflanzen sind für eine bestimmte Zeit gemacht. Wir erwarten, dass unsere Programme, Kirchen, Kongresse und Konzepte bis in alle Ewigkeit tragen. Und wundern uns, wenn manches nicht mehr so angesagt ist, nicht mehr funktioniert oder schlicht überholt ist. Pionierpflanzen haben einen besonderen Zweck für eine besondere Zeit. Vielleicht sollten wir uns manchmal an den Gedanken gewöhnen, dass auch unsere Ideen ihre Zeit haben und für eine bestimmte Zeit gemacht sind. Manches darf auch wieder gehen. Auch das scheint zum Reich Gottes zu gehören.
Die Sache mit dem Mammutbaum
Wisst ihr, was außer Pionierpflanzen noch so nach einem Waldbrand wächst?! Mammutbäume! Waldbrände sind für sie so etwas wie Geburtshelfer. Weil das Feuer ihre Zapfen öffnet, das Unterholz beseitigt, den Boden mit Nährstoffen anreichert (Asche) und den Samen freien Zugang zu Licht verschafft, was perfekte Keim- und Wachstumsbedingungen schafft – der Baum selbst übersteht die Hitze dank seiner dicken, isolierenden Rinde. Und dann wird aus einer Pionierpflanze ein großer Baum. Kein Senfbaum, sondern ein Mammutbaum. Das ist wirklich ein Wunder. Reich Gottes ist manchmal klein, wuchernd, überraschend und dann wieder groß, stark und Generationen überdauernd.

So oder so: Ich will Teil dieser Unkraut-Senfkorn-Jesus-Bewegung werden!

Nach M. Minucius Felix: Octavius. Frühchristlich Apolegeten Band II. Aus dem Lateinischen übersetzt von Dr. Alfons Müller (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 14) München 1913; zitiert nach https://bkv.unifr.ch/de/works/cpl-37/versions/dialog-octavius-bkv

By the way: Ich bin keine Botanikerin. Ich schreibe diesen Artikel nach bestem Wissen und Gewissen – und im Vertrauen darauf, dass Gott unter der Oberfläche wirkt. Auch in meinem Leben.

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