Jele Mailänder
Die Pionierpflanzen-Revolution
(oder: Jesus-Unkraut ist gelb)
Neulich habeich zum ersten Mal in meinem Leben einen Förster getroffen. Den habe ich mir direkt geschnappt, um ihm endlich eine Frage zu stellen, die mich seit Jahren begleitet. Nicht so sehr, dass ich sie jemals gegoogelt hätte – eher so ein leises, wiederkehrendes Staunen.
Vor über zwanzig Jahren war ich in den Wäldern des Yukon, im Nordwesten Kanadas und Alaskas, unterwegs. Kurz zuvor hatte ein massiver Waldbrand dort gewütet. Und mitten in dieser verbrannten Landschaft fiel mir etwas auf, das mich bis heute beeindruckt: Überall wuchsen rosa Blumen. Ganze Teppiche davon. Ich habe damals Samen dieses „Fireweed“ gekauft. Sie liegen bis heute in einer Papiertüte in meiner Bibel. Mehr wusste ich allerdings nicht über dieses Gewächs – bis zu diesem Abend mit dem Förster.
Das Reich Gottes wächst selten wie ein Baum. Meistens wächst es erst wie Unkraut.
„Das ist Fireweed – schmalblättriges Weidenröschen. Eine Pionierpflanze.“
Fireweed ist oft eine der allerersten Blütenpflanzen, die nach einem Brand wieder auftauchen. 300 bis 400 Samen stecken in einer einzigen Samenkapsel, bis zu 80.000 in einer Pflanze. Mit seidig-flauschigen Härchen, perfekt für den Wind. Das Ergebnis: Innerhalb kürzester Zeit überzieht ein rosa Teppich die verbrannte Fläche. Pionierpflanzen tauchen immer dort auf, wo alles drunter und drüber gegangen ist – nach Bränden, Vulkanausbrüchen, Überschwemmungen oder menschlichem Chaos durch Bauprojekte und intensive Landwirtschaft. Es sind keine Schönwettergewächse. Sie trotzen Hitze, Kälte und Nährstoffmangel mit beeindruckender Widerstandskraft. Ihre Anpassungsfähigkeit scheint beinahe grenzenlos.
Außerdem verbessern sie den Boden. Mit tiefen Wurzeln lockern sie ihn, bringen Struktur und Leben hinein. Manche – wie Lupinen oder Klee – binden sogar Stickstoff. Dazu leben viele in Symbiose mit Mikroorganismen wie Mykorrhiza-Pilzen. Eine Win-win-Situation unter der Erde. Ohne sie gäbe es keine nächste Stufe: keine Sträucher, keine Bäume, keinen Wald.
Pionierpflanzen tauchen immer dort auf, wo alles drunter und drüber gegangen ist
Ich habe das jahrelang so verstanden: aus klein wird groß. Klar. Das Reich Gottes beginnt unscheinbar und endet beeindruckend: Aus einem kleinen Körnchen wird ein großer Baum. Und dann übertragen: Aus einer kleinen Bewegung wird eine Megakirche, große Konferenzen, Evangelisationszahlen, die sich in Excel-Tabellen abbilden lassen – einfach treu das Kleine pflegen.
Als die Bauern Jesu Beispiel hörten,
haben sie vermutlich gekichert.
Inzwischen halte ich diese klassische Auslegung – sorry – für ziemlichen Unsinn. Denn jeder Mensch damals wusste: Aus einem Senfkorn wird kein Baum. Niemals. Nirgendwo. Als die Bauern Jesu Beispiel hörten, haben sie vermutlich gekichert. Den Zuhörenden rund um Jesus war bestimmt bekannt, dass die Pflanze gerade mal so einen Meter hoch wird. Ein Senfstrauch ist unspektakulär und verblüht nach ein paar Wochen. Kein Gigant, kein Stabilitätswunder, kein Nistplatz-Baum. Als Laie finde ich ja, dass er ein bisschen aussieht wie Raps.
Senf wächst allerdings wie Unkraut. Im Judentum gab es sogar ein Gesetz, das besagte, dass man keinen Senf im Garten pflanzen durfte. (m. Kil’aim 3,2; t. Kil’ayim 2,8). Die Pflanze überwuchert nämlich in kürzester Zeit alles – und aus liebevoll sortierten Vorzeigebeeten werden im Handumdrehen chaotische Unkrautlandschaften.
Jesus könnte also genau diese Eigenschaft meinen, wenn er vom Senfkorn spricht, das „zum Baum“ wird. Nicht im botanischen Sinn, sondern im übertragenen: Es bereitet den Boden für das, was kommt. Dass es um die Kultur der Bodenbeschaffenheit geht, damit etwas Großes wachsen kann.
Himmel auf Erden: Kulturveränderung unter der Oberfläche
Pionierpflanzen sind widerstands- und anpassungsfähig.
Pionierpflanzen sind widerstands- und anpassungsfähig. Was, wenn wir mit ebenso klugem Blick das Evangelium immer wieder in unseren Kontext hineintragen – mitten in den Alltag, mitten ins echte Leben, in einer Sprache und Kultur, die Menschen verstehen? Es geht nicht darum, dass wir uns anpassen, aber das Evangelium in einer Sprache, in einer Kultur und im Alltag von Menschen erfahrbar zu machen. Und dabei eine gewisse Form von Widerstandsfähigkeit an den Tag zu legen: Was, wenn wir bleiben, wo andere gehen? Was, wenn wir dranbleiben, auch wenn es anstrengend wird? Wenn wir Liebe, Vertrauen üben mitten im Leben – auch dort, wo es richtig, richtig schwierig ist?!
Viele Pionierpflanzen verbessern den Boden.
Pionierpflanzen sind ansteckend und breiten sich aus wie Unkraut.
So oder so: Ich will Teil dieser Unkraut-Senfkorn-Jesus-Bewegung werden!
Nach M. Minucius Felix: Octavius. Frühchristlich Apolegeten Band II. Aus dem Lateinischen übersetzt von Dr. Alfons Müller (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 14) München 1913; zitiert nach https://bkv.unifr.ch/de/works/cpl-37/versions/dialog-octavius-bkv
By the way: Ich bin keine Botanikerin. Ich schreibe diesen Artikel nach bestem Wissen und Gewissen – und im Vertrauen darauf, dass Gott unter der Oberfläche wirkt. Auch in meinem Leben.
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